Von Fettnäpfchen und ausbleibenden Liebesaffären
oder: Wie besuche ich ein Gemeinschaftsprojekt ?
Gute Ratschläge von Sven Borstelmann
"Ja, hallo – ist dort dieses Projekt? Also, ich rufe von der Autobahnraststätte in Eurer Nähe an, ich trampe nämlich gerade in den Süden. Und da ich Euch schon immer mal besuchen wollte, dachte ich mir, ich schlage gleich zwei Fliegen mit einer Klappe und schau mal vorbei – passt es? Und könnte mich einer von der Raste abholen?"
"Tja, weißt Du, eigentlich haben wir ja sowas wie Besuchswochenenden, das nächste ist in 3 Wochen. Da kannst Du Dich für anmelden."
"Das geht leider nicht, da will ich ja schon auf Sizilien sein – aber es wird doch bestimmt einer von Euch mal ein bisschen Zeit haben – Ihr seid doch soviele Leute; ich bleib auch wahrscheinlich nur ein paar Tage und ich war auch schon mal in so ’ner anderen Kommune..."
Also: eigentlich ist es gar nicht so schwer – Du hast von einem Gemeinschaftsprojekt gehört oder gelesen. Du rufst an oder schreibst, läßt Dir einen Termin für die nächste Besuchsmöglichkeit geben, fährst hin und verlebst einige Tage, die Dein weiteres Leben gründlich verändern.
Dafür, dass Dein Besuch tatsächlich für Dich – und hoffentlich auch für das besuchte Projekt – eine gute Erfahrung wird, kannst Du einiges tun; z.B. Dir vorher Gedanken machen.
Hast Du Dich schon mal gefragt, warum Kommunen oder andere Lebensgemeinschaften eigentlich Energie in Besucherinnen stecken? Vielleicht wollen sie neue Leute für sich interessieren, um sich zu vergrößern, vielleicht wollen sie sich aber auch durch neue Gesichter, Themen und Meinungen einfach nur inspirieren lassen; vielleicht wollen sie mit Besucherinnen Geld verdienen, vielleicht wollen sie Dich gar missionieren, vielleicht brauchen sie auch nur Hilfe bei der Arbeit, oder.oder oder... sie machen es auf jeden Fall nicht nur aus purer Nächstenliebe – vermutlich genausowenig wie Du Deinen geplanten Besuch.
Um Enttäuschungen vorzubeugen, kannst Du Dich vorab meistens schon ein we nig über das Dich interessierende Projekt informieren – viele haben zum Beispiel schriftliche Info-Materialien oder Selbstdarstellungen verfasst, die sie auf Anfrage gerne verschicken, und in vielen dieser Heftchen stehen auch Besuchshinweise. Stelle bei der Besuchsabsprache möglichst Klarheit über Termin und Dauer Deines Besuches sowie über eventuelle finanzielle Regelungen her – das hilft, späteren Nervereien vorzubeugen.
Während Deines Besuchs wirst Du trotzdem mit gewisser Wahrscheinlichkeit auch die eine oder andere kleinere oder größere Enttäuschung erleben – Du denkst, ein Alternativprojekt "müßte" doch eigentlich dieses erreicht haben oder "müßte" doch jenes Problem besser lösen als der Rest der Gesellschaft (oder als z.B. Du), Du vermisst den "Gemeinschaftssinn", störst Dich an ihrem Computereinsatz ode ihrer Ernährungsweise, entdeckst Widersprüche zwischen ihrer Selbstdarstellung und dem gelebtem Alltag oder erlebst nicht die von Dir insgeheim erhoffte wild romantische Liebesaffäre; wirst also Opfer Deiner unausgesprochenen Erwartungen, über die Dir vorher klarer zu werden meist nicht schadet.
Was kannst Du nun noch dafür tun, dass Dein Besuch allseits erfreulich verläuft?
Hier kommt eine unvollständige Vorschlagsliste:
- Vermeide den "Zoo-Effekt", sei nicht allzu neugierig und aufdringlich; denk’ daran, dass Du Dich an einem Ort aufhältst, der für andere das Zuhause ist – Oder zeigst Du Besucherinnen grundsätzlich jeden Winkel Deiner Wohnun? und plauderst gleich über alle heiklen Aspekte Deiner Lebensgestaltung?
- Beachte schriftliche oder mündliche Hinweise, auch wenn ihr Sinn sich Dir nicht gleich erschließt (aber frage ggf. ruhig nach, warum dieses oder jenes so gehandhabt werden soll).
- Zeige Dich von Deiner guten Seite, aber verstelle und überfordere Dich nicht. Verschweige nicht Dir eigene und wichtige Besonderheiten wie z.B. Ernährungs-gewohnheiten, religiöse Einstellungen, körperliche Einschränkungen.
- Bedenke, dass Gemeinschaftsprojekte an vielen Punkten "Kompromisse" schließen, um miteinander klarzukommen, gestehe ihnen (wie Dir) Unzulänglichkeiten zu.
- Versuche ein Gespür für mögliche "Fettnäpfchen" im Alltag des Projektes zu entwickeln und lasse sie dann eher aus; wenn Du dann doch in eins tappen solltest, nimm es nicht allzu persönlich – das passiert jeder und jedem mal...
- Auch wenn es abgedroschen klingt: nichts öffnet besser Türen, schafft mehr Vertrauen und gegenseitiges Kennenlernen als gemeinsam zu arbeiten.
- Bringe Dein vorhandenes Fachwissen und Können gerne ein, aber dränge es nicht auf; sei auch beim Plenum oder anderen Gruppentreffen eher zurückhaltend.
- Lass Dich von diesen oder anderen Hinweisen nicht in Deiner Lebendigkeit blockieren!
Bedenke schließlich auch, dass ein Besuch Dir nur Ausschnitte des Projektlebens gezeigt hat – zu einer anderen Jahreszeit, bei anderem Wetter oder bei einer anderen Grundstimmung Deinerseits wäre der Besuch vielleicht ganz anders verlaufen. Vielleicht waren auch gerade bestimmte Gruppenmitglieder nicht anwesend, vielleicht ist die Projektstimmung durch ein kurzzeitig hochgekochtes Thema geprägt gewesen – wer weiß, wie der nächste Besuch verlaufen wäre, bzw. verlaufen wird...
(Quelle: Eurotopia-Verzeichnis)
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