Die Regenbogenkraft von Gemeinschaft
Zur Bedeutung von gemeinschaftlichem Leben in der heutigen Zeit
von Dieter Halbach

Der Regenbogen symbolisiert den neuen Geist selbstorganisierter und integraler Gemeinschaftsformen - die „Einheit in der Vielfalt". Waren geschichtlich Freiheit und Verbundenheit, Individuum und Kollektiv oft Gegensätze, so finden sie in heutigen Gemeinschaften zunehmend zusammen. Wie in einem Regenbogen mit seinen leuchtenden Farben soll im gemeinschaftlichen Leben der einzelne Mensch mit seiner ganzen Individualität hervortreten können. Das Ziel dieser neuen Formen ist nicht die kollektive Anpassung und Angleichung der einzelnen Farben bis hin zu einer Einheitsfarbe. Aber die individuellen Farben stehen auch nicht wie im extremen Individualismus unverbunden und wahllos nebeneinander. Sie ergänzen und unterstützen sich in ihrer eigenen Leuchtkraft und ergeben erst zusammen dieses harmonische Gesamtkunstwerk mit seiner visionären Spannung zwischen Himmel und Erde.

Diese Regenbogenkraft ist eine Tendenz, die in den heutigen Gemeinschaftsexperimenten in der Praxis wirksam ist, nahezu unabhängig von ihren unterschiedlichen inhaltlichen Ausgangspunkten. Es ist ein tiefer menschlicher und geschichtlicher Heilungsprozess, der mit Öffnung und Vertrauen zu tun hat. Wohl alle Gemeinschaften, die sich in diesem Buch vorstellen, erleben diese Veränderungen in dem Maß, in dem sie sich den menschlichen Themen in ihrem Zusammenleben stellen und sich nicht ideologisch gegen andere abschotten.

Einige zentrale Fragen, die den folgenden Kapiteln zugrundeliegen:

  1. Wie können wir diese dynamische Komposition von Einzelnem und Gruppe mit ihren gemeinsamen Zielen und ihrer gesellschaftlichen Einbettung heute verstehen und gestalten?
  2. Welche innere und historische Sehnsucht liegt diesem Gemeinschaftswunsch zugrunde?
  3. Was ist das zeitgemäße Verständnis von integraler Gemeinschaft?
  4. Welche gesellschaftlichen Themen werden in diesen Experimenten bearbeitet? Was ist der besondere Beitrag dieser neuen Gemeinschaften für eine integrale und zukunftsfähige Kultur?

    1. Ein notwendiges Gleichgewicht: Das magische Dreieck im Kreis

    Der einzelne Mensch, das Zusammenleben in der Gruppe und die Ziele der Gruppe bilden zusammen ein magisches Dreieck im Kreis der Welt. Ist der Fluss zwischen diesen Polen und zur Umfeld gestört, ist das Gleichgewicht in allen Bereichen gestört. Nazim Hikmet hat diese Polarität in einem Gedicht ausgedrückt, das unse're Grafik illustrieren soll:

    „Leben, einzeln und frei wie ein Baum und geschwisterlich wie ein Wald
    ... das ist unsere Sehnsucht!"

    Das magische Dreieck im Kreis der Erde
    (angeregt durch die themenzentrierte Interaktion von Ruth Cohn und dem Quadranten des großen Wandels von Ken Wilber)

    Was sind die Ausgangspositionen dieser Pole in der heutigen Zeit und welche Bedeutung hat ihr Zusammenspiel für die Gemeinschaftsbildung?

    Der/Die Einzelne:

    Das Individuum tritt immer mehr heraus aus dem Dunkel der Geschichte. Bis zum heutigen Tag ist es eine Geschichte von Unterdrückung, Missachtung und Entwürdigung, die jedem neuen Erdenkind geschehen ist und sein Selbstwertgefühl entwurzelt hat. Doch mit dem Zeitalter der Aufklärung entstand ein neuer Anspruch:

    „Es gibt auf dieser Welt einen einzigen Weg, welchen niemand gehen kann außer Dir. Wohin er führt, frage nicht! Gehe ihn!"
    (Friedrich Nietzsche)

    Heute wird der Einzelne nicht mehr als gesichtsloser Teil eines Kollektives empfunden, sondern als ein einzigartiges und vieldimensionales Lebewesen. Das einstige Rädchen im Getriebe erhält langsam eine besondere Stimme, ein Herz, eine Seele, ein erotisches Geschlecht, eine Lebensgeschichte, einen erkennenden Geist und eine spirituelle Tiefendimension der Verbundenheit mit allem Lebendigen.

    Die Gruppe:

    Es gibt eine neue Sehnsucht nach Gemeinschaft, denn der Individualismus der Moderne zerstört das Individuum. Seiner lebendigen Wurzeln beraubt, ist der Einzelne lediglich frei, seinen inneren Abhängigkeiten zu folgen. „Die volle Entfaltung des Individuums ist ein Gemeinschaftsunternehmen." (aus der Chaosforschung). Hier kann der Einzelne ein Gegenüber finden, an dem er selbst wachsen und Mitgefühl erfahren kann. Für dieses Zusammenspiel braucht es ganze und vielfältig entwickelte Persönlichkeiten. Die Kenntnis der eigenen inneren Stimmen, der eigenen Stärken und Schwächen steht in Korrespondenz zur möglichen Vielfalt und Kooperationsfähigkeit einer Gruppe, zur Chance der Ergänzung mit den Stärken der anderen statt Kampf.

    Die Ziele:

    Eine Gemeinschaft braucht gemeinsame Visionen, um über den eigenen Alltag hinaus zu reichen, um auch in schwierigen Zeiten weiter zusammenzuarbeiten, um sich Schwächen gegenseitig zuzugestehen'und daran wachsen zu wollen. Anders als in traditionellen Familien- und Clanverhältnissen oder in rein funktionalen modernen Teams werden diese Ziele jedoch nicht fremdbestimmt vorgegeben. Die neuen intentionalen Gemeinschaften, also „Wahlverwandschaften" werden vielmehr erst aus diesem gemeinsamen Menschen- und Weltbild heraus geschaffen. Die Nähe muss erarbeitet werden. Deshalb ist die ehrliche und kontinuierliche Auseinandersetzung über die gemeinsamen Werte und Aufgaben die lebendige Basis neuer Gemeinschaften.

    Das Umfeld:

    Das gesellschaftliche Umfeld, von den Nachbarn über die Region bis hin zur Welt, ist der Nährboden jeder Gemeinschaft. „Keine Gemeinschaft kann überleben (es sei denn als ideologisches Fossil !), wenn sie sich absondert von dem Gesellschafts-gefüge, zu dem sie gehört. Ihre eigentliche Existenzberechtigung bezieht sie vom Dienst, den sie dem Gesellschaftsganzen leistet." (Donald Waters, Begründer von Ananda villages) Gemeinschaft endet nicht an den eigenen Grundstücksgrenzen (oder den Grenzen von Konzepten, Rechtsformen, Beziehungen). Ein Gemeinschaftsmensch lebt immer in Gemeinschaft, egal wo er sich gerade befindet. Und die Themen der eigenen Gemeinschaft sind immer auch geschichtliche und gesellschaftliche Themen.

    2. Der Einzelne und die Sehnsucht nach Gemeinschaft

    Jeder Mensch trägt sie in sich: die Sehnsucht nach Verbundenheit. „Co-naissance -mit anderen geboren werden" bezeichnet diesen ursprünglichen Zustand unserer Geschwisterlichkeit im Netz des Lebens. Jedes Neugeborene erlebt sich als ungetrennten Teil dieses Kosmos und ist vollkommen abhängig von der Liebe und Fürsorge seiner Umgebung. Jedes Kind sucht Heimat in einer Familie und die Geborgenheit in einem größeren Netz nährender Beziehungen und Orte. "Es braucht ein ganzes Dorf, um ein Kind großzuziehen." sagt Sobonfu Some vom Stamm der Dagara in West-Afrika. Aber auch: "Es braucht ein ganzes Dorf, um für die seelische Gesundheit der Eltern zu sorgen." Das Leben im Schoß der Stammesgemeinschaft war die Wiege der Menschheit und ist tief in Uns als sozialen Wesen verwurzelt.

    "Die Gemeinschaft ist die Seele, der Leitstern meines Volkes...Das Ziel der Gemeinschaft ist, dafür zu sorgen, dass jedes ihrer Mitglieder gehört wird und die Gaben, die sie oder er in diese Welt mitgebracht haben, auf die richtige Weise anbringt. Ohne dieses Geben stirbt die Gemeinschaft. Und ohne die Gemeinschaft haben die einzelnen Menschen keinen Ort mehr, wo sie etwas beitragen können...Und wenn wir unsere Gaben nicht abgeben können, sind wir innerlich blockiert, was uns auf vielerlei Arten spirituell, geistig und körperlich beeinflusst. Wir sind heimatlos, haben keinen Ort, wo wir hingehen können, wenn wir das Bedürfnis haben, gesehen zu werden."
    (Sobonfu Some, „Die Gabe des Glücks")

    Doch die menschliche Existenz ist auch gekennzeichnet durch den Schmerz der Trennung. Das Bewusstsein seiner selbst wirft den Menschen auf sich zurück. Er tritt heraus aus der Schöpfung und hinein in die Angst, geworfen in eine fremde Welt. Diesen schmerzhaften Ceburtsprozess müssen wir sowohl individuell als auch gattungsgeschichtlich alle durchlaufen. Der Säugling muss aus seinem unbewussten Dasein als Riese und Zwerg seiner eigenen Welt heraustreten und erkennen, dass die Welt außerhalb seiner selbst existiert und ihm nicht gehorcht. Auch die Menschheit musste aus dem Traum der ursprünglichen Einheit mit der Natur erwachen. Schon seit über 5000 Jahren wurden unzählige traditionelle Stammeskulturen vernichtet, die auf dem Prinzip der Verwandtschaft und Gegenseitigkeit beruhten.

    Die heutige Gesellschaft des globalen Marktes und extremen Individualismus droht diese Wurzeln gänzlich auszureißen. Die Menschen der reichen Gesellschaften stehen nach einer weltweiten Untersuchung des eigenen Glücksempfindens weit hinter den armen Ländern, in denen noch stärkere soziale Bindungen vorhanden sind
    (Studie der London school of economics)

    Ein Leben ganz ohne Gemeinschaft ist uns nicht möglich: ohne Kontakt und Kooperation würden wir seelisch und körperlich „verhungern". In diesem Sinne ist Gemeinschaft das Lebenselexier und Bindemittel allen gesellschaftlichen Lebens, der Wärmestrom unserer Geschichte, der uns die Kraft für das "dennoch" und "trotz alledem" gibt.

    Neben der herrschenden Tendenz zur Vereinzelung gibt es in der Evolution der Menschheit auch wieder die zu mehr Gemeinschaft. Gerade in der heutigen globalisierten Welt sind wir als Menschheit immer stärker miteinander verbunden -im Guten wie im Schlechten. "Wir haben nur die eine Welt, die wir gemeinsam erzeugen, ob wir uns mögen oder nicht." (Humberto Maturana)

    3. Das integrale Gemeinschaftsverständnis in der Praxis

    Die Vision eines gewaltfreien Zusammenlebens bedeutet die Ausweitung des Gemeinschaftsgedankens auf die ganze Gesellschaft und auf die Kooperation mit der Erde als einem Lebewesen. Die zunehmende Auflösung aller traditionellen Bindungen bis hin zur Beziehungslosigkeit bietet dabei die Chance und Notwendigkeit, ein neues Bild von Gemeinschaft zu entwickeln. Doch sowenig die offiziellen gesellschaftlichen Strukturen und Weltorganisationen sich eine solidarische Verfassung gegeben haben, sowenig haben Gemeinschaften bisher ihr gesellschaftliches Potenzial entfalten können. Sie sind sowohl lebensgeschichtlich wie historisch oft nur ein kurzlebiges visionäres Aufleuchten und von ihrem nominellen Anteil an der Bevölkerung bzw. ihrem gesellschaftspolitischen Einfluss insgesa wenig bedeutend. Viele wurden in der Vergangenheit begleitet von internen Konflikten, persönlicher Überforderung, begrenzten Mitteln, mangelnder regionaler und gesellschaftlicher Einbindung.

    Ansprüche und Anstrengung dominieren den Alltag, der seine reale und visionäre Anbindung verloren hat. Wahrscheinlich gibt es, ähnlich wie im Familiendrama, kaum einen Ort, wo soviel Enttäuschung über das Zusammenleben entstand, wie in vielen bisherigen Gemeinschaftsversuchen.

    "Einer der größten Fehler von Gemeinschaftsplanern war vielleicht, dass sie sich zuviel von ihren Konzepten erhofften. Kein System kann Tugend schaffen... Unser reges Interesse soll den Menschen als Einzelwesen gelten, nicht als Teil eines Systems. Ein System ist nur nötig, um das Leben zu koordinieren... Die Menschen müssen den Gemeinschaftssinn organisch entwickeln. Der sicherste Weg für jede neue Gemeinschaft ist, dass jeder die Freiheit erhält, mit anderen auf seine Weise zusammenzukommen...Wo die Leute jedoch alles gemeinsam tun und über alles einer Meinung sein sollen, da entstehen leicht Konflikte... Vor allem dürfen wir keine Wunder erwarten. Es genügt, wenn die neue Lebensweise besser ist als die alte."
    (Donald Waters/Ananda Village)

    4. Der innere Wendepunkt im Gemeinschaftsprozess

    Wie also sieht ein integrales Gemeinschaftsbild aus, das die Vielfältigkeit und Stabilität eines Dorfes, die Verbundenheit eines Stammes und die planetarische Kultur von Netzwerken mit der Suche nach persönlichem Wachstum in Gruppen verbinden kann? Ein zukunftsfähiges Gemeinschaftsverständnis muss offen angelegt sein, um die Gemeinschaftssuche von einem idealisierten Gruppendiktat zu einem experimentellen Gesellschaftsentwurf mit mehr Raum für die persönliche Entfaltung und soziale Entwicklung zu machen. Ausgangspunkt dabei ist eine radikale Ehrlich keit und Schlichtheit im Umgang miteinander, das Loslassen jeglicher aufgesetzter Form. Sonst ergeht es dem Gemeinschaftswunsch wie dem Busch in einer Keuner-Ge-schichte von Bert Brecht: Mit seinem Ziel, dem Busch eine runde Form zu geben, schneidet der Gärtner solange an ihm herum, bis er zwar rund aber kaum noch ein Busch ist. Die Form droht den Inhalt zu erdrücken: es wird eng!

    Die Arche-Gemeinschaft in Südfrankreich ist das Beispiel einer seit der Nachkriegszeit existierenden Gemeinschaft mit hohen Zielen im Bereich der Selbstversorgung und einer spirituellen Praxis der Gewaltfreiheit. Die folgende Erfahrung zweier langjähriger Bewohnerinnen markiert einen Wendepunkt im Gemeinschaftsgedanken.

    "Wirklich schwierig wird es, wenn man sein Inneres akzeptieren muss. Sich selbst akzeptieren heißt dann auch, die anderen akzeptieren, so wie sie sind - und damit beginnt überhaupt erst das Gemeinschaftsleben. Ist man an diesem Punkt angelangt, fällt plötzlich die Form ab. Und die kritischen Fragen z.B. nach dem Traktor und der Elektrizität werden unwesentlich. Denn wenn ich noch so sehr auf dem "richtigen" Weg bin, wenn ich noch so gerne in Harmonie mit der Natur leben möchte, so nützt das nichts, wenn nicht die Motivation von tiefer her kommt.. Wenn man in einer Gemeinschaft lebt, muss man alle vorgefassten Ideen fallen lassen. Nur eines ist wichtig: Am Inneren zu arbeiten. Man muss loßlassen in jeder Hinsicht. Wenn man die Form hat fahrenlassen, begegnet man einander erst in Wahrheit, im eigentlichen Grund. Das ist die Geschwisterlichkeit, denn eine Gemeinschaft kann nur bestehen, wenn sich alle wie Brüder und Schwestern kennen."
    (Etienne und Brigitte/Archegemeinschaft in Frankreich)

    Nun sind die bodenständige „Arche"-Cemeinschafr -und Gemeinschaften überhaupt aber keine reinen Therapie- oder New Age-Gruppen. Am „Inneren" arbeiten heißt hier auch an den „Inhalten" zu arbeiten, an einer verbindlichen Praxis. Die „Form fallen lassen" kann hier nicht bedeuten, die gemeinschaftlichen und individuellen Inhalte und Ziele aufzugeben. Im Gegenteil bedeutet es, in der Praxis den entscheidenden Schritt zu machen, die Inhalte aus ihren egoistischen Fesseln und Gegensätzen zu befreien und sich über sie menschlich verständigen zu können.

    „Radikal" sein heißt „an die Wurzeln gehen", und die Wurzel der heutigen Kultur ist der Mensch. Entsprechend der inneren Haltung der „gewaltfreien Kommunikation" (nach Marshall Rosenberg) können wir uns miteinander verbinden, wenn wir uns auf die Bedürfnisse als ursprünglicher gemeinsamer Lebensquelle hinter Positionen beziehen.

    Gemeinschaft kann ein besonderer Ort sein, wo nicht Verschiedene anschauungen aufeinanderprallen, sondern eine „Weltanhörung" stattfindet. Nicht Positionen stehen sich hier gegenüber, sondern Menschen, die zusammenleben wollen und die Chance haben, hinter die Positionen zu schauen und zu verstehen. „Wir sind getrennt in unseren Überzeugungen, aber vereint in unseren Zweifeln" (Peter Ustinov). weltweit beobachtet. Warum will ich Frieden und ernte Streit? Warum ist der Andere so wie er ist? Und warum bin ich so? Warum haben die richtigen Argumente die Weltrevolution noch nicht ausgelöst? Warum kann es auch mit einem objektiv guten Konzept ein subjektiv falsches Leben geben? Und warum kann ein subjektiv glückliches Leben objektiv negative Folgen haben?

    Historisch wurden „Gemeinschaften" aufgrund von Tradition, kollektiver Anpassung, Ideologie und Identifikation aufgebaut. Die Einzelnen waren in dieser kollektiven Öffentlichkeit mit ihrer individuellen Wahrheit nicht enthalten. Individuum und Gemeinschaft waren getrennt. Diese vorindividuellen Gemeinschaftsformen waren und sind Nährboden für Abspaltung, Ausgrenzung und somit Krieg in seinen verschiedensten Formen. „Klar in den Zielen und weich gegenüber den Menschen" - Dieser integrierende Gemeinschaftsgedanke durchzieht demgegenüber heute die unterschiedlichsten Formen von Gemeinschaften: von linken politisch organisierten Kommunen bis hin zu spirituell orientierten Gruppen ist er zu spüren. Viele der in diesem eurotopia-Verzeichnis enthaltenen Gemeinschaften entwickeln sich in diese Richtung. Seit einigen Jahren ist er im losen Netzwerk der deutschen Gemeinschaftsprojekte („Come Together"), im weltweiten Global Ecovillage-Network (GEN) und in vielen weiteren Kooperationen greifbar geworden.

    Der neue Geist der Kooperation ist nicht mehr provinziell und kollektivistisch, sondern planetarisch und zunehmend unideologisch: Er bezieht alle Lebewesen ein. Er gründet auf dem freien und veränderbaren Willen seiner Mitglieder. Er ist ein Raum für Selbsterkenntnis und persönliche Entwicklung. Seine Strukturen gleichen dem Systembild der Ökologie: Jeder einzelne ist sowohl ein Ganzes als auch Teil eines größeren Ganzen. Neue Gemeinschaften sind weder strukturlose Haufen noch hierarchische Kollektive. Sie sind sowohl "ganzheitlich" als auch "individualistisch". Ihre Strukturen experimentieren mit Basisdemokratie und verbinden Chaos, egalitäre Kommunikation und geschichtete komplexe Ordnung mit unterschiedlichen Kompetenzen. Basis dafür ist die menschliche Begegnung und eine vertiefte Wahrnehmung voneinander. Ihre Vernetzungen machen nicht Halt an der eigenen Gruppengrenze, sondern beziehen bewusst immer mehr Gruppen und Bewegungen mit ein. Sie verbinden sich so letztlich mit dem evolutionären Strom der möglichen (aber nicht zwangsläufigen) Bewusstwerdung der Menschheit hin zu einem "umfassenderen Vereintsein" (Teilhard de Chardin)

    Wie funktionieren solche Gemeinschaften, welche inneren Haltungen liegen ihnen zugrunde? Die folgenden Thesen sollen den neuen Geist der Kooperation umkreisen und anregen.

    10 Thesen zur Gemeinschaftsbildung

    1. Verbundenheit: Gemeinschaft wird nicht in erster Linie durch eine Gruppenzugehörigkeit definiert, sondern ist eine Haltung der Verbundenheit mit anderen Menschen und dem Leben selbst. Sie wird immer wieder neu geschaffen, durch eigene innere Arbeit und Öffnung.
    2. Verbindlichkeit: Die klare Formulierung grundsätzlicher Ziele und Werte der Gemeinschaft trägt dazu bei, dass sich ähnlich gesinnte Menschen zusammenfinden und ihre realitätsschaffende Kraft und Kreativität synergetisch nutzen können. Klare Vereinbarungen bewahren davor, an fundamental verschiedenen Lebenskonzepten zu scheitern. Verbindlichkeit in den gemeinsamen Zielen und Verbundenheit in den individuellen Wegen fordern und fördern einander.
    3. Eigene Beteiligung: Gemeinschaft kann nur entstehen, wenn ich mitmache, wenn ich mit meiner ganzen Person das große JA und das präzise NEIN wage. Solange wir uns nicht einlassen, bleibt Gemeinschaft eine leere Inszenierung „der anderen". Dies ist eine Einladung an die Kritiker in den hinteren Reihen, selber zu Hauptdarstellern zu werden.
    4. Individualität: Gemeinschaft entsteht nicht aus dem Wunsch, Persönlichkeiten zu beschränken und einer übergeordneten Gruppenidentität anzugleichen, sondern aus der Anerkennung unserer Unterschiede, unserer Stärken und Schwächen als unserem gemeinsamen Reichtum.
    5. Einheit in der Vielfalt: Je vielfältiger und stärker die Einzelnen sind, desto stabiler und lebendiger wird die Gemeinschaft durch ein Netz komplexer Beziehungen. Wie in einem Biotop ist der Sinn von Gemeinschaft gegenseitige Ergänzung und Koordination. Einheit und Vielfalt brauchen einander.
    6. Innere Gemeinschaftsbildung: Der Fähigkeit, die "Einheit in der Vielfalt" im Außen wahrzunehmen, entspricht die innere Erkenntnis des eigenen Selbst als vielfältiges Wesen: "Ich bin viele!" Das Verständnis und die Integration der verschiedenen, oft sogar zerstrittenen und gespaltenen inneren Stimmen zu einer kooperierenden Gruppe ist die Voraussetzung für einen offenen Umgang mit den äußeren Gegenspielern. Starre Selbstkonzepte verhindern Gemeinschaft. Offene Selbstkonzepte ermöglichen es, verschiedene Rollen im Gesamtorganismus einzunehmen und einander zu ergänzen: „Wir sind eins".
    7. Experimentelle Gesellschaftsgestaltung: Gemeinschaft ist Selbstveränderu und Gesellschaftsveränderung in einem. Kein Bereich des Lebens und Fühle sollte ausgegrenzt werden, damit aus dem gemeinschaftlichen Dialog mensc lieh stimmige und sachlich angemessene neue Lösungen gefunden vverd< können. Insbesondere die intimen menschlichen Fragen bedürfen des heile den Lichtes gegenseitiger Wahrnehmung, um ihre Potentiale aus den private Fesseln und Verletzungen lösen zu können.
    8. Vertrauensbildung: Die Fähigkeit, die Welt durch die Augen des anderen ur mit einem offenen Herzen zu sehen, sich leer zu machen ohne sich aufzug ben, ist die Grundlage für Mitgefühl und Vertrauen. Gemeinschaft entsteht ai ehrlicher und nicht verurteilender Kommunikation. Wer sich darauf einläßt, i anderen dessen Zielgestalt und Potential zu unterstützen, trägt dazu bei, d kleinliche Suche nach Unzulänglichkeiten und Problemen überflüssig zu m, chen. Wir können lernen, die Weite zwischen uns zu lieben und uns vor einei großen Horizont wahrzunehmen.
    9. Projektion und Enttäuschung: Die Sehnsucht nach Gemeinschaft steht oft i umgekehrtem Verhältnis zur Fähigkeit sie zu verwirklichen. Statt eigene Erwa tungen zu erfüllen und Löcher zu stopfen, ist Gemeinschaft eher ein Spiegi deines Selbst und eine Herausforderung zu eigenem Wachstum. Wer WIR such wird ICH finden - und umgekehrt.
    10. Heimat: Erst wenn ich in der Gemeinschaft ganz ich selbst sein kann - ohn Verstellung und Anpassung - bin ich in Gemeinschaft angekommen.

    So verstandene Gemeinschaft findet immer dann statt, wenn sich eine bewusst Vergesellschaftung von Innen ereignet, wenn der Einzelne sich öffnet und Resc nanz findet in der Welt. Wechselseitige Verbundenheit ist eine Tendenz, die w sowohl'in den Gemeinschaften und sozialen Bewegungen als auch innerhalb de menschlichen Evolution erkennen können.

    5. Die gesellschaftliche Bedeutung von Gemeinschaftsprojekten

    "Wir haben gelernt, wie die Vögel zu fliegen, wie die Fische zu schwimmen; doch wi haben die einfache Kunst verlernt, wie Brüder zu leben." (Martin Luther King. Die derzeit noch wenigen Gemeinschaftsprojekte (von der umfassenden Lebens gemeinschaft über Nachbarschaften bis hin zu Projektgruppen) sind in diesem Pro zess

    nur der bewusste und organisierte Ausdruck der Evolution hin zu mehr Koope ration und Öffnung. Gemeinschaft ereignet sich immer, wenn Menschen das Be wusstsein ihrer Verbundenheit in den Mittelpunkt ihres Lebens stellen, sei es in de Liebe, in der Familie, im Beruf oder in der Politik. "Du, eingetan in die Schalen, 'n die dich Gesellschaft, Staat, Kirche, Schule, Wirtschaft, öffentliche Meinung und deir eigener Hochmut gesteckt haben, Mittelbarer unter Mittelbaren, durchbrich deim Schalen, werde unmittelbar, rühre Mensch den Menschen an." (Martin Buber, Gemeinschaftsprojekte können diesen Prozess fördern, indem sie Orte des Vertrauens und der Verständigung schaffen und indem sie modellhaft integrierte Lösungen aus einem neuen Geist heraus entwickeln.

    „Ich schlage vor, dass wir weltweit Forschungsprojekte einrichten, wo einige hundert junge intelligente Menschen den Freiraum haben, neue umfassende Konzepte und Lösungsmodelle für die bestehenden Probleme zu entwickeln." So der Appell z.B. von Aurelio Peccei, dem Mitbegründer des Club of Rome, in einer Rede vor der UNO.

    Indem sie gemeinsam Wohnen, Leben und Arbeiten, entwickeln Gemeinschaften solche ganzheitlichen Lebensentwürfe, in denen eine Fülle von Erfahrungen über die inneren Zusammenhänge von Ökologie, Sozialem, Ökonomie, Politik und Spiritualität enthalten sind. Wie in einer permanenten „Zukunftswerkstatt" werden hier in der täglichen Praxis neue Modelle entwickelt, überprüft und zugänglich gemacht.

    6. Bausteine für eine zukunftsfähige Lebensweise

    In folgenden gesellschaftlichen Bereichen nehmen sie damit als Entwicklungsprojekte für eine zukunftsfähige Lebensweise in unterschiedlichem Maß eine Pilotfunktion wahr:

    ökologisches Leben und Arbeiten

    Viele Gemeinschaftsprojekte streben durch ihre gesamte Lebensweise eine positive ökologische Gesamtbilanz an, die durch die gesellschaftlich üblichen Einzelmaßnahmen nicht erreicht werden kann.

    Gemeinschaftsprojekte versuchen, gegen die herrschende Konkurrenz, Vereinzelung und Anonymität die Werte von Kooperation, Kommunikation und persönlicher Begegnung zu setzen und so dem gesellschaftlichen Zerfall entgegenzuwirken.